Tauernwurmsage

Tauernwurm

Tauernwurmsage

 

Vor langer, langer Zeit lebte im Mölltal ein Wurm.

Es war ein ganz besonderer Wurm. Er war groß und glücksdrachenrot, kräftig aber sanft, eindrucksvoll aber großmütig. Er hatte viele Fähigkeiten und er war geschickt im Fliegen und im Schwimmen, doch vor allem liebte er die anderen Tiere und die Menschen in seinem Tal und beschützte seine Bergwelt. Er war sehr stolz auf das viele Wasser, das in seinem Tal floss. Denn es war das Wasser, das dem Tal sein saftiges Grün und seine muntere Frische gab.

Die Menschen in diesem Tal waren sehr glücklich. Die Wiesen und Wälder waren so schön anzusehen, dass die Menschen dort glücklich waren, und auch den Tieren im Tal ging es gut, denn sie hatten immer genug zu fressen und genügend Raum für ihre Streifzüge und Spielerein.
Wenn einmal Feuer ausbrach im Tal, löschte es der Tauernwurm. Er konnte nämlich nicht nur Feuer, sondern besonders gut auch Wasser speien. So beschützte er Natur, Mensch und Tier. Das Wasser besorgte er sich von den Bergen, wo es unerschöpflich und klar von den Felswänden stürzte.
So lebten alle zufrieden im Mölltal, bis eines Tages ein glitzerndes Metall gefunden wurde: das Tauerngold.

Der Tauernwurm war sehr besorgt und mahnte die Menschen, das Metall dem Fluss und den Bächen zurückzugeben. „Es wird nichts Gutes bringen“, sagte er ihnen.
Aber die Menschen hörten nicht auf ihn und verbreiteten in Windeseile die Nachricht von dem verführerischen Fund. Beunruhigt schlang sich der Tauernwurm durch sein grünes Paradies, in dem sich immer mehr Menschen gierig tummelten. Sie gruben, schürften und verwüsteten die Landschaft. Mit Tränen in den Augen sah der Wurm dem vernichtenden Treiben zu. Die Menschen verjagten ihn und die anderen Tiere aus ihren Höhlen und von ihren heimeligen Wohnplätzen, sie dachten an nichts mehr als an sich selbst. Da beschloss der Tauernwurm wegzugehen.
Ein letztes Mal noch warf er einen Blick auf dein geliebtes Tal und flog davon.  Er hatte nämlich große weite Flügel an seinem Körper, die ihn überall hinbringen konnten.
Es wurde eine lange Reise.

Sie führte ihn zuerst nach China, wo er freudig empfangen wurde.
„Da bleib ich, da ist  es schön“, sagte er sich vergnügt und doch voller Wehmut. Er half den Menschen beim Anbau ihrer Reisfelder, er beschützte sie vor unliebsamen Angreifern und bald wurde er zum Helden des chinesischen Volkes. Ihm zu Ehren wurden im ganzen Land Feste gefeiert, er wurde in Schlössern und Palästen empfangen und erhielt Auszeichnungen und funkelnde Orden.
Aber trotz all dieser Ehrungen überfiel ihn immer wieder die Sehnsucht nach zu Hause, nach dem grünen Mölltal, in dem das Wasser und die Luft klar und rein waren und die Wiesen grün. Aber noch durfte er nicht zurückkehren, fühlte er.
So ging er nach Amerika, ins tolle sehr berühmte Hollywood. Da riss man sich um ihn und gab ihm in zahlreichen Filmen viel beachtete Rollen als Monster. Aber war das wirklich er? Er wollte den Menschen doch nicht das Fürchten lehren, sondern das Glück und die Freude. So nahm er rasch wieder Abschied vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten und überflog den Ozean, der nicht und nicht aufhören wollte. Wo er auch hinsah – Wasser und nichts als Wasser und eine große Einsamkeit, die in sein Herz kroch.

Nach tagelangem Flug kam endlich Land in Sicht, ein Land, in dem die Einwohner friedlich in der Natur lebten, wie der Tauernwurm bald bemerken würde, und in dem es Tiere gab, die er noch nie zuvor gesehen hatte und die er erstaunt betrachtete: Kängurus und Koalabären. Er war in Australien gelandet. Er befreundete sich mit den Ureinwohnern, er half ihnen des abends Feuer zu machen und des morgens das Feuer zu löschen. Er erzählte ihnen Geschichten von seinen Reisen, aber während er erzählte, wurde ihm der Mund trocken und er sehnte sich nach dem klaren, kühlen Wasser seines Heimattals.

Und wieder zog der Tauernwurm weiter durch die Welt, zurück in Richtung Europa, wo er seinem Mölltal wenigstens nicht ganz so fern war. Er besuchte Italien, sah sich in Rom die Antike an, in Neapel den Vesuv, in Florenz die Renaissance und gelangte schließlich in eine herrliche, auf Wasser gebaute Stadt. Während er in den Kanälen dieser Stadt, die wie ein Märchen war, seine Runden drehte, entdeckte er sie: Venezia, eine schöne, anmutige, edle Wurmdame, die sich behände und elegant ihren Weg durch die Gondeln und Boote bahnte. Der Tauernwurm verliebte sich sofort. Er stellte sich vor, sah tief in ihre sanften Augen und sagte: „ Ich kann es nicht erwarten, dich zu heiraten.“
So lebten sie einige Zeit voller Glück in der Schönheit der Stadt auf dem Wasser. In dieser Zeit schenkte Venezia dem Tauerwurm ein Ei. Doch die Gabe dieses Eis hatte die ganze Kraft ihres zarten Wesens aufgebraucht und sie verstarb an einem nebelig grauen Herbsttag in den seichten traurigen Gewässern der Lagune.

Der Tauernwurm war unsäglich traurig  und er wusste, dass die Zeit gekommen war, in sein Tal zurückzukehren. Er packte das Ei in Watte und flog Richtung Österreich über die Alpen. Als er sich mit Riesenschwüngen dem Mölltal näherte, erkannte er, dass sich einiges getan hatte in seiner Heimat während der Zeit seiner Abwesenheit. Die Menschen hatten einen riesigen Nationalpark angelegt und lebten endlich im Einklang mit der Natur. Das Herz des Tauernwurms weitete sich und mit frischen Mut setzte sich er auf der weichen Erde des Mölltals auf, das sich ihm in seiner ganzen Pracht zeigte. Überall hörte man das Geplätscher von Gewässern. Endlich hatten die Menschen es erkannt: das wahre Gold dieser Erde war das Wasser.

Die Einwohner vom Marktflecken Winklern hatten in der Hoffnung auf eine Rückkehr ihres glückbringenden Tauernwurms schon vor langer Zeit einen Turm errichtet, einen Wohnturm, einen Heimstatt für ihn. Gerne nahm er jetzt den Platz dort ein, der auch der Platz für das kostbare Vermächtnis seiner geliebten Venezia werden sollte.
Eines schönen Morgens schlüpfte ein kleines Würmchen aus dem Ei, das seit Wochen in einem weichen Nest gelegen war. Der Tauernwurm war überglücklich, war er doch nicht mehr ganz allein und die Erinnerung an seine wunderbare Drachenfrau lebte in diesem, ihrem gemeinsamen Schatz weiter. Er seufzte erleichtert und nannte das hübsche Würmchen Allegra, die Fröhliche, so nämlich wünschte er sich ihre Zukunft und die Zukunft seines Tals und seiner Menschen.

Alle Menschen aus seinem Tal, aber auch viele Menschen und Kinder von weiter und von ganz weit her kommen ihn seither besuchen. Der Tauernwurm liebt diese Besuche und nutzt sie, die Menschen anzuschauen, sie fröhlich und glücklich zu machen.
Und da er seit jeher die Gerechtigkeit über alles liebt, spielt er den Menschen, die Unrecht getan haben, gerne einen Streich: er fängt nämlich laut zu brüllen an, wenn ein solcher an ihm vorbeigeht. Das kann aber nur der Betreffende hören, und es bleibt ein Geheimnis zwischen dem Tauernwurm und ihm.

So ist der Tauernwurm zurückgekehrt in sein schönes Tal und seine wunderbare Bergwelt und ist den Menschen zu einem Glück bringenden aber auch mahnenden Helfer geworden.
 
© 2004
Nach den Ideen der Kinder der 1.- 4. Klasse der Nationalpark Hauptschule Winklern, zusammengestellt von Heiner Zaucher